Erschienen in: Paris, rue des Rosiers. Von Erinnerung und jüdischer Folklore. In: Freddy Raphaël (Hg.): „...das Flüstern eines leisen Wehens...“ Beiträge zur Kultur und Lebenswelt europäischer Juden. Festschrift für Utz Jeggle. Tübingen 2001, S. 511-525.
Noch bis vor wenigen Jahren galt das Marais im Zentrum von Paris als ein zwar pittoreskes, aber auch etwas heruntergekommenes Viertel, in dem "man" nicht wohnt und zu dessen Besichtigung in keinem Reiseführer aufgefordert wird. Mittlerweile ist das Marais schon lange kein Geheimtip mehr: die alten Hôtels, die ehemaligen städtischen Wohnsitze ländlicher Adliger aus dem 17. Jahrhundert wurden renoviert und zum Teil in Museen verwandelt, exklusive Modeboutiquen, Cafés und Restaurants hielten Einzug. In den Nachtstunden wird das Marais zu einem bevorzugten Treffpunkt der homosexuellen Szene. Das Stichwort Gentrifizierung mit allen Aspekten der Veränderungen eines urbanen Viertels greift auch hier.1
Im Zuge der Aufwertung des Quartiers - durch ein Gesetz von André Malraux 1962 in die Wege geleitet - erhielt neben der Architektur auch manch anderes einen besonderen Stellenwert. Die Rede ist von "jüdischer Kultur". Jüdisches im Marais lässt sich heute topographisch genau verorten: es sind die Straßenzüge rund um die rue des Rosiers. Durchquert man die rue des Rosiers selbst, so fällt schnell auf, dass sich die Straße von den benachbarten stark unterscheidet: Modeboutiquen wechseln hier mit Falafel-Imbiss-Stuben und koscheren Restaurants.2 Die Pariser Hektik scheint dieser Straße fremd zu sein: Ein Mann sitzt auf dem Trottoir und verkauft die Zeitschrift "Actualité juive", Frauen stehen gemütlich auf der Straße und unterhalten sich. An einem beliebigen Freitagnachmittag im Jahr 2000 ist der Unterschied offensichtlich: Geschäfte werden früh geschlossen, die Bürgersteige gereinigt; Männer mit Hüten und Schläfenlocken begeben sich in die Synagoge in der rue Pavée, die die rue des Rosiers kreuzt.
Das Straßenbild und sein Ambiente erwecken die Vorstellung eines intakten Judentums, als etwas "schon immer Dagewesenes". Die Lebendigkeit der Straßen, die Vielzahl an jüdischen Geschäften und öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Synagogen scheinen diesen Eindruck zu unterstreichen. Er ist jedoch trügerisch: Das Marais gehörte zwar mit zu den bevorzugten Pariser Wohngebieten für Juden unterschiedlicher geographischer Herkunft. Eine Kontinuität in Zeit und Raum, die weit zurück reicht, ist jedoch nicht nachzuweisen. Wie lässt sich erklären, dass die rue des Rosiers heute einer Vielzahl von Menschen, Einheimischen wie Fremden, Nicht-Juden und Juden als Hochburg jüdischer Kultur(en) von Paris gilt? Handelt es sich nicht vielmehr um einen imaginären Ort, um Bilder und Mythen? Meine kleine ethnographische Skizze versucht dieser, so mein erster Eindruck, Gratwanderung von Gedächtnisort und jüdischer Folklore nachzugehen. Sie beruft sich dabei nicht so sehr auf die Geschichte des französischen Judentums3, sondern möchte beschreiben, wie das Viertel zu bestimmten Zeiten wahrgenommen wurde und wird.
Einzig der Blumenladen in der Mitte der Straße, "La rose du désert" spielt auf den Straßennamen an, der 1230 zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurde und wohl den Rosenstöcke der benachbarten Gärten zu zuschreiben ist.4 Alle anderen Läden und Etablissements - außer den Modeboutiquen - verweisen mit Davidstern und den Bezeichnungen "cacher" oder gar "strictement cacher" auf den gemeinsamen "jüdischen" Nenner der Straße. Die Mehrzahl der Imbisse und Restaurants ist auf nordafrikanisches Essen abonniert; einige wenige - insbesondere die Bäckereien - bieten polnische und russische Spezialitäten an. Hier und da erinnert eine Tafel an eine jüdische Schule im 19. Jahrhundert. Die beiden Gebetstuben in der rue des Rosiers verstecken sich hinter Klingelschilder wie "Association israélite"; die Synagoge in der abzweigenden rue Pavée ist nicht sofort als solche zu erkennen: Sie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Hector Guimard erbaut, der sich v.a. durch verschnörkelte Metro-Stationen einen Namen machte. Sie ist ein Zeugnis davon, wie ihre damaligen Auftraggeber, eine russisch-polnische Gemeinschaft, mit einem an zeitgenössischen Vorlieben angepassten Stil sich an das assimilierte Bürgertum des Marais orientieren wollten.5
Die Zeichen in der Straße sind für manche schwer zu erkennen, aber durch ihr gehäuftes Auftreten doch eindeutig. Sie lassen sich in ein gängiges Bildrepertoire im Sinne von Roland Barthes einordnen, das mit der Kategorie "jüdisch" versehen werden kann.6 Die Zeichen geben aber keine Auskunft darüber, wer oder was bzw. welche Traditionen sich hinter dem "Jüdischen" verbergen. Parallel dazu bestehen aber ziemlich konkrete Vorstellungen eines jüdischen Lebens, die, durch Medien transportiert, das kollektive Gedächtnis mitprägen. Ein Bild, das bis heute Gültigkeit hat, ist die Charakterisierung des Quartiers als eine in sich geschlossene Welt, ein "Ghetto".
Der französische Krimi-Autor Léo Malet entwickelte in den 1950er Jahren den Zyklus "Nouveaux Mysteres de Paris". Sein Protagonist, der Detektiv Nestor Burma, löst seine Fälle in den Arrondissements von Paris. Malet versucht, das jeweilige Viertel und seine Bewohner genau zu beschreiben. In "Du rebecca rue des Rosiers", untersucht der Detektiv im 4. Arrondissement den Mord an Rachel Blum, der Tochter eines Hutmachers aus der rue des Rosiers und kommt dabei einer Geschichte von Kollaboration und Verrat während der deutschen Besatzungszeit auf die Spur.7 Auf der Suche nach Indizien begibt sich Burma auch in die rue des Rosiers:
"Je descends du trottoir étroit pour ne pas déranger, dans leurs palabres chuchotées, deux vieux juifs à chapeaux ronds (ce n'est pas l'exclusif apanage des Bretons), tifs longuets, barbouzes de prophète et pardingues crasseux. Après un portail de bois de guingois, derrière lequel on remue des poubelles, une vieille femme, en vitrine, plume et prépare des volailles, vraisemblablement selon des rites qui m'échappent. Certaines fenêtres des rez-de-chaussée sont garnies de barreaux. Aux étages, du linge est étendu, un linge pauvre, en piteux état. Toutefois, ça ne respire pas la misère. Elle existe, certainement, mais ce n'est pas elle qui requiert d'abord l'attention. Je m'imagine peut-être, mais l'atmosphère qui règne, en dépit du vacarme joyeux des enfants, des types très ordinaires qui s'interpellent d'un trottoir à l'autre, en langue étrangère, serait plutôt celle d'une malédiction ancestrale. Ça vient sans doute de ce qu'on appelle ça, improprement à mon avis, le ghetto. Le mot évoque des images sinistres. Le ghetto! Un ghetto bien libéral. D'où il est facile de prendre son essor. Symbole? Du métro Saint-Paul, à côté, on est, en huit stations, aux Champs-Elysées. Beaucoup des juifs ont fait le voyage, qu' on a rarement revus par ici."8
Malet benennt in seinem saloppen Stil alle Elemente, die in den Beschreibungen stets auftauchen: das Bild vom orthodoxen Juden, von Armut, 'seltsamen' Bräuchen, vom jüdischen Erbe, das man nicht abstreifen kann und von der Fluktuation der Bewohner, wobei er auch Kritik am Begriff des "Ghettos" übt. Malets Charakterisierung erinnert an die Schilderungen aus den 1930er Jahren, die pittoresken und exotischen Eindrücken nachgingen und doch zugleich das Gesehene genauestens erklären und einordnen wollten.
Die populäre Zeitschrift "Illustration" etwa stellte 1933 das "Ghetto de Paris" in Text und Bildern vor. Den Autor Pierre Paraf interessiert in erster Linie die Atmosphäre: "Mais le lieu géométrique traditionnel de l'immigration juive, c'est bien la rue des Rosiers. Une rue étroite et banale où flotte dès l'abord une étrange odeur: poisson frit, viande abattue suivant les prescriptions du rite, carpe farcie, tarte au fromage, gâteaux à la cannelle. Parfum d'Orient qui monte sous le ciel de Paris, mais d'un orient septentrional: plutôt la Russie que la Palestine. Tout est juif dans la rue: le boucher et le charcutier dont l'enseigne porte l'indication 'Kasher' (rituel), qui rassumera la gourmandise des fidèles, le boulanger et le savetier, l'antiquaire et le libraire, et le marchand de disques de gramophone si appréciés des mélomanes du ghetto".9
Léon-Paul Fargue, der mit seinem "Spaziergänger von Paris" in den dreißiger Jahren der Stadt ein Denkmal setzte, macht seine Vorbehalte deutlich:
"Pour le chrétien que trouble la chose juive, un ghetto est toujours plein d'énigmes. Celui de Paris est enjolivé d'enseignes ravissantes, de réclames pour pensions yddisch de Deauville, d'affiches relatives à quelques théâtre juif, rehaussées de ferrures et d'ornements architectureux. C'est un département humain immonde et splendide, peint, criard, ouvragé, rembourré de richesses clandestines, d'accumulations singulières, d'où partent des cours et des ruelles difformes et fangeuses, de sentiers de maison puantes, bordées de magasins dont les inscriptions hébraïques composent un paysage graphique aussi biscornu que ténebreux."10
Fargue betrachtet das Quartier als etwas Exotisches, als einen Ort, den er nicht näher zu kennen wünscht und von dem er sich deutlich abgrenzt.
Auch der "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch widmete dem Viertel seine Aufmerksamkeit. 1934 publizierte er ein schmales Bändchen mit dem Titel "Geschichten aus sieben Ghettos". Darin schildert er detailreich und augenzwinkernd jüdisches Leben in den europäischen Metropolen. Er gibt Auskunft über das Handelsleben und beschreibt religiöse Bräuche: "An den hohen Feiertagen gleicht der Pfarrsprengel von St. Paul den ostjüdischen Gemeinden von Polen und Rumänien, mit dem Unterschied, daß dort die Zahl der Synagogen und Betstuben stabil, der Zahl der Interessenten angepaßt ist, während im Plätzl die Fluktuation alle Berechnungen über den Haufen wirft. Birobidschan leert, Hitler füllt. Alle Tanzsäle werden am Versöhnungstag zu Gotteshäusern, kaum gibt es in der Gegend ein Haus, in dem nicht von Parterre bis zum fünften Stock die Wohnungen zu Betstuben umgewandelt sind, pendelnde Körper unter seidenen Vollbärten und Gebetmänteln füllen die Zimmer".
Kisch vernachlässigt nicht das zeitgenössische Geschehen. So berichtet er von einem Händler: "Der Chiffonier, der Lumpenhändler im engeren Sinn, lebt nur von Hadern und Altpapier, leer ist das Schaufenster seines winzigen, modrigen Ladens. Viele haben nach Beginn des Hitlerterrors die erblindete Glastür ihres Geschäftchens über und über mit bedruckten Zetteln beklebt: 'Les représentants de maisons allemandes ne sont pas recu.' Groteske Vorstellung: die Vertreter deutscher Handelshäuser, steife Herren im Pelz, einen Stoß alter Zeitungen unter dem Arm, wollen beim Schmatteshändler in der schmutzig-schmalen Rue du Prévot vorsprechen, da erblicken sie diese Affichen und ziehen enttäuscht von dannen".11
Sämtliche Autoren entwerfen das Bild eines intakten Viertel, das auch im Vergleich zu anderen jüdischen Vierteln Europas stand hält. Die Bilder vermischen Lokalkolorit mit den realen Umständen. Kann man das Marais als jüdisch bezeichnen? Nach dem französischen Autorenduo Jarassé-Jarassé kann man insofern dann von einer jüdischen Geschichte des Marais sprechen, wenn man die religiösen Kultstätten als Maßstab nimmt.12 Dadurch, dass sich das Marais mit der Französischen Revolution und dem Wegzug der Adligen im 18. Jahrhundert zum Arme-Leute-Viertel mit preiswerten Wohnungen ohne Komfort wandelte, konnten sich viele Migranten, darunter auch Juden, niederlassen. Für ihre Ansiedlung sprach zudem die unmittelbare Nähe des Handelsortes Carreau du Temple. Das "Pletzl", wie jiddisch sprechende Immigranten das Viertel zwischen der rue de Rivoli und dem Handelszentrum Carreau du Temple seit Beginn des 20. Jahrhunderts nannten, war für viele die erste Station in Paris. Im 18./19. Jahrhundert zogen insbesondere zunächst Juden aus dem Elsaß und aus Lothringen ins Quartier St. Paul. Später, zwischen 1900 und 1930 richteten sich hier Juden aus Osteuropa, und vor allem aus Polen und Russland ein. Paris galt, trotz Dreyfus-Affäre und einer starken antisemitischen Strömung, als die Stadt Europas, in der ein sozialer Aufstieg möglich war.13
Jede Gruppierung brachte ihre Kultur und ihre religiösen Bräuche mit, richtete Schulen und Gebetsstuben ein, baute eigene Synagogen. Wer es sich leisten konnte, zog so schnell wie möglich in andere Stadtviertel, etwa ins 9. Arrondissement, in die Gegend der rue Richer, ins 2. Arrondissement, Sentier, oder ins 19./20. Arrondissement, nach Belleville. Vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sich das jüdische Leben im Quartier auf die Rue de Rosiers zu konzentrieren. Hier kamen verschiedene jüdische Glaubensrichtungen zusammen, die zumeist auf der geographischen Herkunft beruhten, wie es in anderen Stadtteilen von Paris nicht der Fall war. Das Quartier konnte trotz aller interner Differenzen nach Außen als etwas Ganzes, als eine Einheit wirken, was auch die Schilderungen als "Ghetto" deutlich machen.
Der Nationalsozialismus und die deutsche Besatzung hatten für die jüdische Bevölkerung auch in Frankreich katastrophale Folgen. Unter dem Vichy-Regime wurden fast alle jüdischen Bewohner des Marais wie der anderen Stadtvierteln umgebracht.14 Viele Inschriften und Tafeln erinnern heute noch an die dort erfolgten Razzien und Deportationen. Dennoch galt das Viertel weiterhin als erste Anlaufstelle. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen v.a. jüdische Flüchtlinge aus den osteuropäischen Ländern ins Marais, um hier einen neuen Anfang zu wagen. In den 1950er und 1960er Jahren waren es Juden aus Frankreichs entkolonialisierten Ländern des Maghrebs, die nach Paris kamen. Ihre Kultur und ihre kulinarischen Fertigkeiten sind es, die die rue des Rosiers heute so prägen.
Anfang der 1980er Jahren heuerte die amerikanische Anthropologin Jeanne Brody als Kellnerin in Jo Goldenbergs Restaurant "Delikatessen" an, um die rue des Rosiers näher zu erkunden.15 Brody konnte durch ihre Arbeit ins Alltagsleben der Straße eintauchen und durch dieses 'Going native' vielfältige Strukturen und Beziehungen des urbanen Milieus offenlegen. Brody konstatiert so etwas wie ein "rythme juif" in der Straße, zu dem sich Juden wie Nicht-Juden bekennen. Der jüdische Kalender spielt dabei eine große Rolle, und wird von nahezu allen Ladeninhabern akzeptiert, aber auch als soziale Kontrolle empfunden, denn es wird genau beobachtet, wer etwa die Sabbatregeln einhält und wer nicht. "Nous faisons ce que nous pouvons faire, même si ce n'est pas tout à fait correct",16 ist dabei das Motto der Ladenbesitzer, die sich sowohl auf die eigene Glaubensvorstellungen als auch auf Kundenwünsche einstellen möchten. Der Druck ist groß, da die Läden, Restaurants, Synagogen und Gebetsstuben den Juden aus Paris und Umgebung als Treffpunkt dienen. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass sich diese Anziehungskraft in der Zahl der jüdischen Ladenbesitzer widerspiegelt: Waren 1886 von 74 Läden 48 in Besitz von Juden bzw. verkauften koschere Produkte, so zählte man 1994 54 von 67 Geschäften; die Anzahl hat prozentual gesehen sogar zugenommen, das Angebot hat sich freilich stark gewandelt. Kleine Handwerksbetriebe sind heute dem schnellen Ess-Konsum gewichen.
Brody relativiert indessen das Bild einer jüdischen Einigkeit, etwa wenn sie beschreibt, wo die feinen Trennlinien zwischen den Gruppen verlaufen: Nicht nur beim Einkaufen achten die Kunden genauestens auf die Abstammung des Ladeninhabers. Ein Beispiel: Als ein Jude aus Marokko den Lebensmittelladen samt Inventar von einem polnischen Juden übernahm, blieben von einem Tag auf den anderen die Kunden weg - die Klientel aus Osteuropa kam nicht mehr, auch wenn das Angebot gleich blieb. Ähnlich gibt es bei Gottesdiensten feste Regeln, welche Gruppe wo zusammenkommt. Brody benennt zudem interne Differenzen: Als ein Fotograf eine als Ostjüdin zu erkennende Frau ablichten möchte, die gerade Kerzen für den Sabbat anzündet, schaltet sich ein Passant ein, der diese Szene als nicht "richtig" jüdisch empfindet und deshalb auch nicht für fotografierwürdig.
In der traumatischen Erfahrung der Shoah können diese Differenzen überwunden werden, denn alle von Brody befragten Personen haben Familienangehörige verloren. Für die damals in Frankreich lebenden Juden stellt Vichy bis heute einen tiefen Bruch dar, da man sich von Frankreich verraten fühlte. "Vorher - nachher" bezeichnet in den Erzählungen die Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung. Die Bilder von vorher, der Zwischenkriegszeit, sind von Armut gekennzeichnet, zugleich aber auch von engem Familienzusammenhalt und Solidarität. Der Krieg hat das Alltagsleben vollkommen auf den Kopf gestellt, nachher war nichts mehr so, wie es vorher war. Die Trauer um das "Pletzl", wie es in den Erzählungen auftaucht, ist bei denen groß, die sich noch erinnern können. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Erinnerungen auch wirklich an wahre Begebenheiten geknüpft sind. Die Trauer ist der Motor für das Entstehen des imaginären Ortes, so dass die rue des Rosiers zu einem Symbol für das jüdische Judentum werden kann. 1987 ist die Organisation "Les amis du Pletzl" entstanden, die die Zwischenkriegszeit mit Veranstaltungen und einer eigenen Zeitschrift ständig in Erinnerung bringt.17 - Von diesem feinmaschigen Netz an Verstrickungen und Beziehungen bekommt der "normale" Passant freilich nichts mit.
Obwohl die Einwohnerzahlen zurückgehen, Immobilienpreise steigen und eine neue, reiche, nicht jüdische Klientel das Quartier in Besitz nimmt und zugleich die Inschriften, die an Gedenktage erinnern, zunehmend verblassen, hält Brody auch die Zukunft der rue des Rosiers für "Jüdisch": "Malgré donc une certaine agressivité de la spéculation immobilière sauvage (...) il y peu de danger que les synagogues disparaissent. Elles continuent à attirer vers le quartier une population importante, avec le concours des restaurants et fast-food, des boulangeries et boucheries cacher. Si cet endroit perdure et réussit à garder son caractère particulier, c'est surtout parce que la mémoire collective et individuelle a fait de la rue des Rosiers une espèce de 'lieu sacré' juif."18
Erinnerung hängt, wie es Marcel Proust insbesondere mit Hilfe einer kleinen Madeleine minutiös in der "Suche nach der verlorenen Zeit" gezeigt hat, mit den Geschmacksnerven eng zusammen: Als der Ich-Erzähler im Erwachsenenalter das Sandgebäck in seinen Tee taucht, kann er sich durch den Geschmack an seine Kindheit erinnern, und daraufhin seine Lebensgeschichte und damit ein detalliertes gesellschaftliches Porträt der Zeit rekonstruieren. "On vient chez vous pour manger nos racines"19, so sagte einmal ein Kunde zu Florence Finkelstajn, Inhaberin der gleichnamigen Boulangerie-Pâtisserie in der rue des Rosiers. Prousts Erinnerung entspringt dem "mémoire involontaire", sie ist mehr oder weniger unfreiwillig und löst beim Ich-Erzähler eine Fülle von Assoziationen und Bildern aus.20 Umgekehrt sucht der Kunde von Finkelstajn bewusst den vertrauten Geschmack und möchte sich neben der individuellen Erinnerung, mit Hilfe des Geschmacks gewissermaßen soziale Erinnerung aneignen.
Maurice Halbwachs hat darauf hingewiesen, dass das kollektive Gedächtnis einen "Raum" benötigt. Halbwachs meint damit keinen Raum im physikalischen Sinne, sondern einen "räumlichen Rahmen" der sich mit Bildern füllen läßt.21 Dazu bietet die rue des Rosiers eine schillernde Projektionsfläche. Begebenheiten aus der jüngeren Geschichte lassen sich in der Straße verorten und dienen als verbindendes Glied. Als "lieux de mémoire" (Pierre Nora) lassen sie sich mit symbolischer Bedeutung aufladen und gehen über die eigentliche Geschichte hinaus.22
Insbesondere haben sich in der Straße zwei Ereignisse als eigene Trauertage etabliert: Jedes Jahr wird der 165 Schüler und Lehrer der "École primaire communale israélite" (in einer Seitenstraße der rue des Rosiers) gedacht, die im Zuge der großen Razzia am 16./17. Juli 1942 im "Vel d'Hiv" zusammengepfercht und deportiert wurden.23 Familienangehörige und Trauergäste ziehen durch die Straßen und halten einen ganz bestimmten Weg ein. Dieser Umzug findet nicht an einem der offiziellen Gedenktage statt, die an den Zweiten Weltkrieg und die Shoah erinnern, sondern trägt die Züge eines privaten Ereignisses in sich, das eng mit der Gemeinschaft des Quartiers verknüpft ist und für diese, wie Jeanne Brody beobachtet hat, eine große Rolle spielt.24
Ein weiterer, interner Gedenktag der Straße gilt dem Anschlag auf das Restaurant von Jo Goldenberg am 9. August 1982. Sechs Tote und zweiundzwanzig Verletzte waren die unmittelbare Folge. Langfristig erzeugte das Attentat ein anhaltendes Gefühl von Unsicherheit.25 Die Schüsse lösten im ganzen Land großes Entsetzen aus. Staatspräsident Mitterand nahm unmittelbar danach an der Trauerfeier in der Synagoge in der rue Pavée teil. Am Restaurant wurde eine Tafel angebracht, die der Toten gedenkt. War Jo Goldenberg zuvor schon eine zentrale Attraktion der Straße gewesen, so hat das Attentat das Interesse noch einmal gesteigert. Goldenberg sammelte Zeitungsartikel zum Drama, die er zum Lesen an die Hausfassade befestigt und legte im Restaurant ein Gästebuch aus. Jedes Jahr wird um den 9. August mit einer Zeremonie im Lokal an das Drama erinnert. Dazu laden jüdische Organisationen wie der "Conseil representatif des institutions juives de France" ein. Gleichzeitig geht der Restaurantbetrieb weiter.
Ein Journalist kommentierte den 10. Jahrestag 1992 folgendermaßen:
"L'ambiance reste festive à l'intérieur et en terasse. Le rythme des violons et la cuisine juive ravissent la clientèle fidèle et les touristes. Surpris, deux étrangers n'apprennent qu'en s'attablant que ce restaurant a été touché par le terrorisme fanatique voilà dix ans. Certains serveurs sont des survivants de l'attentat, mais, ce soir, ils ne peuvent ou ne veulent évoquer leurs souvenirs."
Goldenberg wird von einem Kamerateam interviewt, spricht über das Attentat und nutzt die Gelegenheit, über die Lage in Bosnien zu sprechen. Zwei alte Stammgäste beobachten die Szene und freuen sich: "Ce restaurant est resté un plaisir. Malgré tout ce qui s'est passé, on s'y amuse toujours".26
Das Restaurant von Jo Goldenberg steht für das kollektive Gedächtnis und verkörpert so etwas wie das soziale Gewissen der Straße, ein Ort, der jenseits von tragischen Ereignissen ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt. Es steht exemplarisch dafür, wie Brüche der Geschichte wieder gekittet werden, im Sinne von Aleida Assmann: "Die Kontinuität, die durch Eroberung, Verlust und Vergessen zerstört worden ist, kann nicht nachträglich wiederhergestellt werden, aber es kann im Medium der Erinnerung an sie angeknüpft werden."27 Dabei spielt es keine Rolle, dass Jo Goldenberg, wie es ganz aktuell etwa auf der Internetseite der amerikanischen Organisation "Jewish Travel" beschrieben wird, für manche seine Authentizität verloren hat: "At the corner of rue des Ecouffes and rue des Rosiers is a very good kosher charcuterie - Finkelstajn's. The more notable, Goldenberg's (not kosher), up the street, is just that: more notable. To the initiated it is little more than a tourist trap with bad food".28
Der russische Autor Wladimir Kaminer, ein aufmerksamer Beobachter Berlins der Gegenwart, stellte auf seinen Streifzügen durch die Berliner Gastronomie fest, dass der "Inder" eigentlich ein Tunesier ist, die Sushi-Bars von amerikanischen Juden geführt werden und ein türkischer Imbiss von Bulgaren betrieben wird. Die bulgarischen Verkäufer erklären ihm: "Berlin ist zu vielfältig. Man muß die Lage nicht unnötig verkomplizieren. Der Konsument ist daran gewöhnt, daß er in einem türkischem Imbiss von Türken bedient wird, auch wenn sie in Wirklichkeit Bulgaren sind".29
Diese Aussage lässt sich beliebig durchdeklinieren und mit anderen Ethnien wie mit religiösen Gruppen benennen. Neben der Synagoge in der Oranienburger Straße erwartet "man" ein jüdisches Restaurant. Ob es in der Tat "echt" ist und koscher gekocht wird, spielt im Grunde keine Rolle. Die Gäste, die jüdisches Essen als exotischen Genuss erfahren möchten, fragen nicht weiter nach und würden sich auch nicht über Schweinefleisch auf der Speisekarte wundern.30
Jüdisches hat in Berlin Konjunktur. "Mit der Gründung der Stiftung Neue Synagoge - Zentrum Judaicum e.V. in der Oranienburger Straße ist ein zentraler Ort jüdischer Präsenz in die Stadt zurückgekommen"31, bemerkt Joachim Schlör, eine Präsenz, die in der Öffentlichkeit in überdimensionierter Form wahrgenommen wird: Zwar gibt es wieder jüdische Einrichtungen wie Schule, Synagogen, Cafés und Läden; die jüdische Gemeinde ist insbesondere durch die Zuwanderer aus Russland und der Ukraine gewachsen. Das bescheidene Wiederaufleben öffentlicher jüdischer Räume v.a. um die Neue Synagoge qualifiziert das sogenannte Scheunenviertel in Berlin-Mitte als"jüdisches Viertel" - und dies in erster Linie in den Augen der Anderen. Als touristische Attraktion hat sich das Scheunenviertel zum festen Programmpunkt bei Stadtführungen diverser Reiseunternehmen etabliert und steht im Mittelpunkt des Medieninteresses.
"Die Teams der Fotografen, der Fernsehleute, die hierherkommen, nehmen kein Ende, wir sind nicht immer glücklich darüber. Wir wollen nicht, daß sich die Leute hier wie in einem Zoo vorkommen und wie exotische Geschöpfe bestaunt werden", so formuliert der Sprecher der jüdisch-orthodoxen Gemeinde 'Adass Jisroel', Mario Offenberg,1993 sein Unbehagen.32
Ähnlich wie in Paris steht das Scheunenviertel als Emblem für das "Jüdische". Es geht auch um Erinnerung, mehr noch um Vergangenheitsbewältigung, um kritische und unkritische Aneignung. Die verschiedenen Strömungen innerhalb der jüdischen Gemeinde sind dabei weniger von Interesse. Das Spektrum ist weit gefächert von Veranstaltungen wie die Jüdischen Kulturtage über die intensive Auseinandersetzung mit jüdischen Themen in christlich-jüdischen Gesprächskreisen. Zugleich ist eine "Verkitschung und Romantisierung"33 jüdischer Kulturen und Identitäten zu beobachten, die v.a. in "jüdischen" Restaurants, Läden, Workshops, Konzerten mit Klezmer-Musik als 'die' Musik der Juden zum Ausdruck kommt, um nur einige Beispiele zu nennen, die "jüdisch" als eine Vermarktungsstrategie nutzen.34
Wie in Paris sind die Strukturen ungleich komplexer und vielschichtiger, als es die sichtbaren Zeichen vermuten lassen. Wie soll man die intensive Beschäftigung mit jüdischen Themen und das immer noch zunehmende Interesse bewerten? Schlör wertet die Auseinandersetzung als Bestandteil einer "Sehnsucht, 'eine Lücke zu füllen', oder mit Literatur, Theater, Musik und Stadtbegehung etwas zu rekonstruieren, das vom Nationalsozialismus zerstört und von anschließender Geschichtsvergessenheit ausgeblendet wurde". Auf diese Weise erschaffe sich die Sehnsucht "ihr eigenes Bild".35
Findet auf diese Weise die immer noch nicht abgeschlossene notwendige Verarbeitung von Nazismus und Holocaust statt? Es wäre zu wünschen, in dieser vielfältigen Auseinandersetzung, wie Utz Jeggle sagt, die "Wiederkehr des Verdrängten (...) [erkennen zu können]: Überall kommen zerstörte Fundamente zu tage, drücken Steine durch die dünne Haut des Vergessens"36.
Zurück nach Paris.
Die rue des Rosiers hat innerhalb des Marais eine eigene Geschichte, die insbesondere von den Ladeninhabern gepflegt und weiter kolportiert wird. Dadurch wird sie zu einem Symbol des Judentums, zu einem Ort der Trauer und des kollektiven Gedächtnisses. Für die anderen, Nichteingeweihten bietet die Straße ein Bildrepertoire, das eindeutig als "jüdisch" gilt und von allen verstanden wird, aber zugleich exotisch-fremd bleibt.
In naher Zukunft werden Modeboutiquen und Imbisse weiter zunehmen und Lebensmittelläden oder solche mit jüdischen Gebrauchs- und Kultartikeln abnehmen. Noch besteht eine Interessengemeinschaft von Anwohnern und Ladenbesitzern, so etwas wie ein Label "rue des Rosiers" zu erhalten: So konnte im Juni 2000 ein Restaurant verhindert werden, das die amerikanische Burgerkette McDonald's im ehemaligen Hamam einrichten wollte.37
Egon Erwin Kisch wunderte sich 1934 darüber, dass die Bezeichnung "koscher" gesteigert werden kann:
"Ein wahrer Bürgerkrieg um den Namen "koscher" spielt sich auf den Firmenschildern der Nahrungsmittelgeschäfte im Quartier Saint-Paul ab. Bislang hat man geglaubt, dieses Wort besage, daß die Speisen rituellen Vorschriften entsprechen (....) Ein einziger Fleischerladen in der Rue des Ecouffes begnügt sich mit den drei Konsonanten: koscher. Dieses schlichte Bekenntnis wird von der angrenzenden Boucherie, Charcuterie et Triperie angezweifelt, sie blinzelt vielsagend auf das Nachbargeschäft und sagt von sich: "emes koscher", ich bin wahrhaftig koscher (...) Natürlich wird die Beteuerung strenger, strengerer und strengster Ritualität auschließlich in hebräischen Buchstaben plakatiert, die Übersetzung sagt nichts davon, und auf dem Laden links von der Verkündung 'Adas Jisroel', höchst orthodox, lautet der französische Text: 'Boucherie moderne'."38
Die rue des Rosiers bringt 2001 nochmals eine neue Variante von "koscher" hervor: Jo Goldenberg hat eine Kopie vor seinem Restaurant hängen, die wohl einem englischsprachigen Reiseführer entnommen ist. Im Text wird über das Ambiente und über die Spezialitäten berichtet, die man hier essen kann. Dann heisst es: "It is not kosher. It is kosher style".
1 Zu Gentrifizierung vgl. stellvertretend Barbara Lang: Mythos Kreuzberg. Ethnographie eines Stadtteils (1961-1995). Frankfurt/M./New York 1998; zum Marais vgl.: Bernadette Costa: Je me souviens du Marais. Paris 1995.
2 Ich habe im September 2000 in der rue des Rosiers (303 Meter lang, laut Nomenclature officielle des voies de Paris) u.a. 17 Modeboutiquen, 18 Imbisse/Restaurants, 3 Cafés, 3 Buchläden, 3 Bäcker und 2 Metzger gezählt.
3 Stellvertretend dazu: Esther Benbassa: L'Histore des Juifs de France. Paris 2000; Jean-Jacques Becker/Annette Wieviorka (Hg.): Les Juifs de la France de la Révolution à nos jours. Paris 1998; Roger Berg: Histoire des Juifs à Paris. De Chilpéric à Jacques Chirac. Paris 1997.
4 Jacques Hillairet: Dictionnaire historique des rues de Paris. Paris 1970. Jeanne Brody weist darauf hin, das der Name auch von "Ros" kommen könnte, die Bezeichnung für die Kette des Webrahmens und stellt so einen Bezug zu jüdischen Handwerker her, die sich dort im 12. Jahrhundert zeitweise angesiedelt hatten. Jeanne Brody: La rue des Rosiers, un quartier-mémoire. In: Archives Juives 31 (1998), S. 26-38, s.S. 29.
5 Colette Bismuth-Jarrassé et Dominique Jarrassé: Fragments d'un quartier juif. In: Le Marais - mythe et réalité (= Ausstellungskatalog Hôtel de Sully, Paris). Paris 1987, S. 221-231, s.S. 225f. Vgl. auch: Andreas Nachama (Hg.): Jüdisches in Paris. Berlin 1994.
6 Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Frankfurt/M. 1988, s. S. 134. Vgl. dazu den Aufsatz von Simone Wörner: Volkskunst in der Langen Reihe. Inventar einer Hamburger Straße. In: Herbert Nikitsch, Bernhard Tschofen (Hg.): Volkskunst. Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1995 in Wien (Buchreihe der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde, Neue Serie Bd. 14). Wien 1997, S. 243-260.
7 Léo Malet: Du rebecca rue des Rosiers. Paris 1984. Da die dt. Ausgabe mit dem bezeichnenden Titel "Spur ins Ghetto" leider vergriffen ist, zitiere ich aus der französischen. Das Buch wurde Anfang der 1990er Jahre für das französische Fernsehen verfilmt.
8 Léo Malet, S. 139.
9 Pierre Paraf. Le ghetto de Paris. In: Illustration 8.4.1933, S. 403-405, s. S. 404.
10 Léon-Paul Fargue: Ghetto Parisien. In: Ders.: Le Piéton de Paris. Paris 1932, S. 75-80, s.S. 79.
11 Egon Erwin Kisch: Notizen aus dem Pariser Ghetto. In. Ders.: Geschichten aus sieben Ghettos. Berlin 1999 (1934), S. 121f. Birobidschan war das von Stalin ab 1928 eingerichtete Territorium in Sowjetrussland, in dem alle Juden leben sollten.
12 Colette Bismuth-Jarrassé et Dominique Jarrassé: Fragments d'un quartier juif. In: Le Marais - mythe et réalité (= Ausstellungskatalog Hôtel de Sully, Paris). Paris 1987, S. 221-231. Im 12. Jh. gab es im Marais eine sogenannte "juiverie". 1394 wurden die Juden aus Paris vertrieben. 1791 erfolgte im Zuge der Französischen Revolution die Emanzipation. In dieser Zeit lebten schätzungsweise rund 500 Bürger jüdischen Glaubens in Paris.
13 Zwischen 1900 und 1925 kamen ca. 100.000 Juden nach Paris. Vgl. Jean-Yves Mollier: Triomphe de la nouvelle bourgeoisie. In: Les collections de l'histoire, Januar 2001, S. 45-46; Nancy Green: Les travailleurs immigrés juifs de la Belle Epoque. Paris 1985.
14 Über 76.000 Juden wurden deportiert, etwa 2500 Personen kehrten wieder zurück. Vgl. stellvertretend dazu: Albert Cohen: Persécutions et sauvetages. Juifs et Français sous l'Occupation et sous Vichy. Paris 1993. Heute leben schätzungsweise ca. 600.000 Juden (es gibt keine genauen statistischen Angaben darüber) in Fankreich, die Hälfte davon in Paris und Umgebung. Vgl: Nelly Hansson: Zwischen Polarisierung und Kontinuität. Juden in Frankreich. In: Brigitte Ungar-Klein (Hg.): Jüdische Gemeinden in Europa. Zwischen Aufbruch und Kontinuität. Wien 2000, S. 44-50; Esther Benbassa: 600 000 Juifs Français. In: Les collections de l'histoire, Januar 2001, S. 98-104.
15 Jeanne Brody: La Rue des Rosiers: espace urbain et identité juive. Dissertation EHESS, Paris 1986. Ich stütze mich im folgenden auf die daraus enstandene, aktualisierte Publikation: Rue des Rosiers: une manière d'être juif. Paris 1995.
16 Jeanne Brody 1995, S. 67.
17 Jeanne Brody 1998.
18 Jeanne Brody 1995, S. 129.
19 Zit. nach: Rue des Rosiers. In: Le Monde, 30.10.1993
20 Gerhard Goebel: Die "mémoire involontaire", die fünf Sinne und das verlorene Paradies in Proust A la Recherche du Temps perdu. In: Romanisches Jahrbuch 20 (1969), S. 113-129.
21 Maurice Halbwachs: Das kollektive Gedächtnis. Frankfurt/Main 1985, s. S. 142.
22 Pierre Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Berlin 1990.
23 Henry Rousso: Vivre sous l'Occupation. Paris 1992, S. 92ff.
24 Jeanne Brody 1995, S. 54 f.
25 In der Rue des Rosiers ist v.a. bei Unruhen im Nahen Osten eine starke Polizeipräsenz zu beobachten. Während hoher jüdischer Feiertage wird die Straße abgesperrt und die Polizei kontrolliert alle Passanten und Autos.
26 Clement Guillaume: Le 10 anniversaire de l'attentat de la rue des Rosiers. Les violons tristes de Jo Goldenberg. In: Le Monde, 12.8.1992.
27 Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 1999, s. S. 309
28 Jewish Travel hat aus der Boulangerie Finkelstajn allerdings eine Charcuterie gemacht.
29 Wladimir Kaminer: Geschäftstarnungen. In: Ders: Russendisko. München 2000, S. 97-99, s. S. 97f.
30 Vgl. Iris Noah: Warum Moses Mendelssohn pleite ging oder: Hier war Jewish Disneyland. 24.3.2000, abgedruckt auf der Internet-Seite von hagalil.com. Hier gibt es eine eigene Seite zu Berlin, auf der auch hitzige Diskussionen um das "jüdische Scheunenviertel" geführt werden.
31 Joachim Schlör: Bilder Berlins als "jüdischer Stadt". In: Archiv für Sozialgeschichte 37 (1997), S. 207-229, s. S. 209.
32 Zit. nach: Ulrike Steglich/Peter Kratz: Das falsche Scheunenviertel. Berlin 1997, S. 107.
33 Kirsten Küppers: Marketing mit Davidstern. In: taz Berlin lokal, 20.11.2000.
34 Seit neuestem werden in Berlin Führungen mit dem Titel "Jewish Disneyland" im Scheunenviertel angeboten. Hier geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte. Für diese Auskunft bedanke ich mich bei Iris Weiss, Berlin. Vgl. auch: Peter Hartmann: die Erinnerung ist unzerstörbar. In: Die Weltwoche, 13.1.2000
35 Schlör, S. 209. Daneben scheint Berlin in den letzten Jahren zu einer Art Kristallisationspunkt für eine neue, jüdische Bewegung geworden sein: Dafür steht z.B. die Ende 1999 gegründete Zeitschrift "Golem". Insbesondere setzt sich die Soziologin Diana Pinto für eine jüdisch-europäische Identität ein. Diana Pinto: Europa - ein neuer jüdischer Ort. In: Menora 1999, S. 15-34; dies.: Von jüdischen Gemeinden in Europa zu europäischen jüdischen Gemeinden. In: Brigitte Ungar-Klein, S. 180-187.
36 Utz Jeggle: Judendörfer in Württemberg. Tübingen 1999 (2. Auflage), S. 329.
37 Pascal Galinier: McDO fait le gros dos. In: Le Monde, 30.6.2000 (Supplément)
38 Egon Erwin Kisch, S. 116.